Glossar · Anatomie & Technik
Ästhetisch geschätzt, mechanisch anspruchsvoll
Knie-Hyperextension, medizinisch Genu recurvatum genannt, bezeichnet eine Überstreckung des Kniegelenks über die neutrale Streckung hinaus. Sie kann konstitutionell, also anlagebedingt, vorhanden sein oder sich durch wiederholtes, forciertes Durchdrücken des Knies entwickeln beziehungsweise verstärken.
Im klassischen Ballett gilt eine überstreckte Kniepartie oft als Teil einer erwünschten, langen Beinlinie. Eine Studie mit Tänzerinnen und Nicht-Tänzerinnen im Alter von 8 bis 16 Jahren fand bei den Tänzerinnen ein deutlich größeres Bewegungsausmaß in mehreren Gelenken, einschließlich der Kniestreckung. Eine weitere Studie fand bei Tänzerinnen mit patellofemoralem Schmerz, also Schmerzen im Bereich der Kniescheibe, signifikant häufiger eine ausgeprägte Knie-Hyperextension als bei beschwerdefreien Tänzerinnen. Mechanisch verändert eine dauerhafte Überstreckung den Kontakt zwischen Oberschenkel- und Schienbeinknochen und kann die Druckbelastung im vorderen Kniebereich erhöhen sowie zu Schmerzen im Bereich der Kniekehle führen. Wird das Knie im Stehen habituell „durchgedrückt" statt aktiv durch die umgebende Muskulatur kontrolliert, kann sich diese Belastung über die Zeit auch auf Hüfte und untere Wirbelsäule auswirken.
Weil eine passiv „durchgedrückte" Knieposition mit Schmerzen im Bereich der Kniescheibe und Kniekehle in Verbindung gebracht wird, ist es CENIT e.V. wichtig, den Unterschied zwischen einer ästhetisch gewünschten Linie und einer aktiv kontrollierten, muskulär abgesicherten Kniestreckung zu vermitteln. Wer lernt, das Knie über die umgebende Muskulatur zu stabilisieren, statt es passiv in die Überstreckung fallen zu lassen, kann Beschwerden im Kniebereich langfristig vorbeugen.
Dieser Eintrag dient der Wissensvermittlung im Präventionskontext und ersetzt keine medizinische Diagnostik oder Beratung. Bei Schmerzen im Bereich der Kniescheibe oder Kniekehle empfehlen wir, sich an tanzmedizinisch erfahrene Fachpersonen zu wenden – etwa über die Vermittlung von ta.med oder die Ressourcen der IADMS.
Steinberg N, Hershkovitz I, Peleg S et al. Range of Joint Movement in Female Dancers and Nondancers Aged 8 to 16 Years. Am J Sports Med. 2006;34(9):1487–1495. doi.org/10.1177/0363546505281805 · Steinberg N et al. Ultrasonography findings and physical examination outcomes in dancers with and without patellofemoral pain. Phys Sportsmed. 2018;46(1):48–55. doi.org/10.1080/00913847.2018.1391048