Glossar · Psychische Gesundheit
Zwischen hohem Anspruch und belastendem Druck
Perfektionismus bezeichnet das Streben nach fehlerfreier Leistung, verbunden mit hohen persönlichen Ansprüchen und einer kritischen Selbstbewertung. In der Forschung wird zwischen einem eher konstruktiven Streben nach hoher Qualität und einer belastenden Form unterschieden, bei der Fehler als inakzeptabel erlebt werden und der eigene Wert stark an Leistung geknüpft ist.
Tanz verlangt ein hohes Maß an Detailgenauigkeit und wird häufig in einem Umfeld unterrichtet, das ständige Korrektur und Vergleich mit einem Ideal einschließt – ein Nährboden für perfektionistische Denkmuster. Studien mit Tänzer:innen unterscheiden dabei zwischen einem eher persönlichen Leistungsanspruch, der mit psychischem Wohlbefinden einhergehen kann, und einer stärker von außen geprägten Form, bei der die wahrgenommenen Erwartungen von Lehrenden, Eltern oder dem Umfeld im Vordergrund stehen und die mit Burnout und geringerer Vitalität in Verbindung gebracht wird. Die Art der Motivation scheint dabei eine vermittelnde Rolle zu spielen: Wird Tanz aus eigenem Antrieb betrieben, geht Perfektionismus seltener mit Erschöpfung einher, als wenn er stark von äußerem Druck getragen wird. Fachliteratur unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen dem „Streben nach Exzellenz", das motivierend wirken kann, und dem „Streben nach Perfektion", das eher entmutigend wirkt und mit Angst, depressiver Verstimmung oder gestörtem Essverhalten in Verbindung gebracht wurde.
Weil belastender Perfektionismus ein anerkannter Risikofaktor für Burnout und weitere psychische Belastungen im Tanz ist, setzt sich CENIT e.V. dafür ein, Unterrichts- und Feedbackkultur so zu gestalten, dass hohe Ansprüche nicht zulasten des psychischen Wohlbefindens gehen. Wer den Unterschied zwischen förderlichem Anspruch und belastendem Perfektionismus kennt, kann frühzeitig gegensteuern, statt Erschöpfung als selbstverständlichen Preis für hohe Leistung hinzunehmen.
Dieser Eintrag dient der Wissensvermittlung im Präventionskontext und ersetzt keine psychologische oder medizinische Beratung. Bei anhaltender Erschöpfung oder belastendem Leistungsdruck empfehlen wir, sich an tanzmedizinisch oder psychologisch erfahrene Fachpersonen zu wenden – etwa über die Vermittlung von ta.med oder die Ressourcen der IADMS.
Atienza FL, Castillo I, Appleton PR, Balaguer I. Examining the Mediating Role of Motivation in the Relationship between Multidimensional Perfectionism and Well- and Ill-Being in Vocational Dancers. Int J Environ Res Public Health. 2020;17(14):4945. doi.org/10.3390/ijerph17144945 · Nordin-Bates S. IADMS Resource Paper: Perfectionism. International Association for Dance Medicine & Science. iadms.org