Glossar · Verletzung & Prävention
Wenn Knochen unter wiederholter Belastung nachgibt
Eine Stressfraktur ist ein feiner Ermüdungsbruch im Knochen, der nicht durch einen einzelnen Sturz oder Schlag entsteht, sondern durch wiederholte Belastung, die dem Knochen keine ausreichende Zeit zur Erholung lässt. Knochen baut sich unter Belastung ständig um – wird er häufiger beansprucht, als er sich reparieren kann, entstehen zunächst mikroskopisch kleine Risse, die sich bei anhaltender Überlastung zu einer echten Fraktur ausweiten können.
Im Tanz betreffen Stressfrakturen am häufigsten die Mittelfußknochen, das Schienbein sowie die Wirbelsäule – Regionen, die bei Sprüngen, Spitzentanz und repetitiven Bodenkontakten besonders beansprucht werden. Klassische Tänzerinnen, die viele Stunden auf Spitze trainieren, zeigen gehäuft Ermüdungsbrüche des zweiten Mittelfußknochens, während intensive Sprungarbeit eher mit Stressreaktionen im Schienbein in Verbindung gebracht wird. Typische Auslöser sind ein plötzlicher Anstieg des Trainingsumfangs, etwa vor einer Premiere oder nach einer Verletzungspause, harte Bühnen- oder Studioböden sowie unzureichende Erholungszeiten zwischen den Einheiten. Auch ein Zusammenhang mit langanhaltender Amenorrhoe (dem Ausbleiben der Periode) und geringer Energieverfügbarkeit wurde in Studien mit professionellen Ballett-Compagnien beschrieben. Erste Anzeichen sind oft ein belastungsabhängiger, lokal begrenzter Schmerz, der zunächst nur nach dem Training auftritt und sich bei fortgesetzter Belastung verstärken kann.
Stressfrakturen entwickeln sich schleichend und werden häufig erst spät erkannt, weil Tänzer:innen darauf trainiert sind, Schmerzen zu ignorieren oder als normalen Trainingsbegleiter hinzunehmen. Genau hier setzt die Präventionsarbeit von CENIT e.V. an: Wer frühe Warnsignale kennt und Belastungssteuerung, Erholung und Energieverfügbarkeit im Blick behält, kann das Risiko einer ausgeprägten Fraktur deutlich senken. Ziel ist ein Bewusstsein, das langfristige Tanzfähigkeit über kurzfristige Belastbarkeit stellt.
Dieser Eintrag dient der Wissensvermittlung im Präventionskontext und ersetzt keine medizinische Diagnostik oder Beratung. Bei anhaltenden oder wiederkehrenden Schmerzen empfehlen wir, sich an tanzmedizinisch erfahrene Fachpersonen zu wenden – etwa über die Vermittlung von ta.med oder die Ressourcen der IADMS.
Kadel NJ, Teitz CC, Kronmal RA. Stress fractures in ballet dancers. Am J Sports Med. 1992;20(4):445–449. doi.org/10.1177/036354659202000414 · Mountjoy M et al. The IOC consensus statement: beyond the Female Athlete Triad – Relative Energy Deficiency in Sport (RED-S). Br J Sports Med. 2014;48(7):491–497. doi.org/10.1136/bjsports-2014-093502 · IADMS Resource Paper: Bone Health and Female Dancers. International Association for Dance Medicine & Science. iadms.org